Verlierer und Gewinner


Ich hörte Tim einfach nicht zu. Die ganze Zeit nicht in der er auf mich einredete, wie damals der Idiot Flavius auf seinen Esel einredete und einprügelte, weil dieser sich weigerte, die schweren Getreidesäcke zu tragen, und Flavius zu guter Letzt die Getreidesäcke selbst tragen musste, weil der Esel unter der Last tot umfiel. Mir fiel dieser – zugegeben - krumme Vergleich aus meinem Lateinunterricht wieder ein, weil Tim wie ein Verrückter auf mich einredete und ich nicht die geringste Lust hatte ihm zuzuhören, sondern mich auf die Geschichte konzentrierte, an der ich schrieb. Ich saß seit ungefähr zwei Stunden in Larrys-Pub, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen war und ich mir zur Entspannung ein paar Drinks genehmigen wollte. Ich hatte den ganzen Vormittag am Schreibtisch gesessen und Korrektur gelesen und mir dann am Mittag zum dritten Mal James Joyces Ulysses vorgenommen. Aber über die ersten dreißig Seiten kam ich auch heute wieder nicht hinaus. Die Geschichte geht nicht an mich. Und dazu noch dieses Sauwetter. Seit zwei Tagen regnete es ununterbrochen und Wetterbesserung stand nicht auf dem Wochenplan von Petrus. Also warf ich den Regenmantel über und verließ meine Bude. Und obwohl ich einen Schritt schneller ging als sonst, kam ich klitschnass im Pub an und bestellte mir zum Aufwärmen einen doppelten Whisky und verdrückte mich in eine stille Ecke. Eigentlich ist es nicht meine Art im Pub oder sonst wo in der Öffentlichkeit zu schreiben, so wie Ernest es zum Beispiel mochte; nein, nicht im Café des Amateurs, das er die Kloake der Rue Mouffetard nannte, sondern das auf der Place Saint-Michel. Doch dann fiel mir diese sonderbare Geschichte auf dem Weg zum Pub ein. Und ich musste sie sofort niederschreiben; weil ich die Story später sonst nie wieder finden würde, sosehr ich mich auch anstrengen würde in meinem Gedächtnis danach zu stöbern.
Und dann kam Tim. Er setzte sich unaufgefordert an meinen Tisch und plappert unentwegt drauf los. Und ich schrieb und schrieb an meiner Story und hörte ihm einfach nicht zu.
Aber dann wurde ich doch plötzlich hellhörig, als er sagte:
“Weißt du, dass du mit einem Gewinner am Tisch sitzt, Harry?“
Langsam legte ich den Kugelschreiber aus der Hand, legte ihn neben mein Notizbuch und sah Tim verblüfft an. Nein, so stellte ich mir keinen Gewinner vor. Gewinner sehen anders aus. Außerdem pumpen sie einem nicht bei jeder Gelegenheit schamlos an. Und Tim schuldet mir noch immer zwei fette Scheine. Er schuldete mir immer den einen oder anderen Schein. Außerdem tragen Gewinner keine Klamotten, denen man auf fünfzig Schritten ansieht, dass sie aus der Altkleidersammlung der Heilsarmee stammen.
“Du glaubst mir nicht?“
“Wieder große Pläne, was?“
“Ja, ganz große Pläne.“
“Verstehe.“
“Ja, lach nur. Aber du kannst mir glauben, diesmal gehört der Jackpot mir.“
“Wenn du das sagst.“
“Weißt du, Harry, ich hatte bisher die Sache nur von der falschen Seite her angepackt. Nicht von der mentalen. Aber das ist wichtig, dass du es von der mentalen Seite her anpackst. Und wenn du das einmal checkst, dann ist es im Grunde ein Kinderspiel.“
Das kam mir irgendwie bekannt vor. Zig Mal hatte ich das so oder in abgewandelter Form von ihm gehört. Nur die Variante mit der mentalen Seite war neu an der Geschichte. Aber Tim und Geschäft, das verträgt sich wie Feuer und Wasser oder Himmel und Hölle. Es gab so gut wie kein Geschäft in den letzten Jahren, dass er nicht ausprobiert und dabei regelmäßig Schiffbruch erlitten hatte. Er grandios gescheitert ist, wie man das heutzutage sagt. Zuletzt hatte er es mit Küchengeräten versucht und war auf einem Haufen schrottreifer Kaffeemaschinen sitzen geblieben. Davor waren es Lexika. Davor der Verkauf von Auto- und Haushaltsreiniger. Und davor elektrische Zwiebelschneider und Brotschneidemaschinen. Und wenn ich mich recht entsinne, hatte er es einmal mit der fixen Idee einer Feuchtigkeitscremes für Kleintiere versucht.
“Und mit was willst du es diesmal probieren? Wasserdichten Unterhosen? Oder einem elektrischen Brillenreiniger?“
“Du nimmst mich nicht ernst. Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land. Aber ich dachte, du bist mein Freund. Und wenigstens du glaubst an mich.“
“Also rück schon raus mit der Sprache!“
“Ich sage nur ein Wort: Versicherungen.“
“Versicherungen?“
“Ja! Da staunst du, was?“
Ich staunte mitnichten. Versicherungsvertreter gibt es wie Sand am Meer. Und die, die mir bislang über den Weg gelaufen sind, die bei mir ihr Glück versucht hatten, bissen auf Granit und ich sah sie auch lieber von hinten als von vorne. Außerdem, wenn ich mir Tim so ansah, und das bei aller Sympathie, ich konnte mir beim besten Willen keinen halbwegs denkenden Menschen vorstellen, der auch nur eine einzige Police bei ihm abschließen würde. Niemand schließt eine Versicherung bei einem Kerl ab, der aussieht als sei er gerade aus dem Bett gefallen. Und Tim sieht immer so aus. Unrasiert und ungewaschen. Ungekämmt und ungebügelt. Und Trauerrand unter den Fingernägeln. Und manchmal riecht er auch unangenehm, weil er sein Hemd nur einmal die Woche wechselt. Nicht, dass er stinkt. Aber er muffelt doch am Ende der Woche etwas unangenehm, wenn man ihm zu nahe kommt.
“Das ist nicht dein Ernst?“
“Doch!“
“Du willst Klinken putzen? Und armen Schluckern Lebensversicherungen andrehen? Armen Schluckern denen es noch dreckiger geht als dir? Das ist doch ein Scheiß-Job!“
“Am Anfang! Ja! Da muss jeder wohl oder übel Klinken putzen. Doch nur die erste Zeit. Aber in dem Geschäft kannst du dich ganz schnell nach oben arbeiten. Und in einem Jahr besitze ich meine eigene Agentur und lasse andere für mich die Klinken putzen.“
“Noch immer steil die Karriereleiter nach oben, Tim?“
“Natürlich! Was denkst du?“
“Da wo die richtige Kohle gemacht wird?“
“Wer will das nicht? Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft. Und wer will da schon gerne am Boden kriechen, wie das Ungeziefer?“
“Hör zu Tim, ich habe ne Menge Typen Klinken putzen sehen. Und ich sage dir, für einen Abschluss gehen die alle auf die Knie und lecken Speichel. Und nebenbei fressen sie en masse diese weißen Dinger, damit die Magensäure sie nicht auffrisst. Und da willst du die Karriereleiter raufklettern?“
“Du wirst es sehen, Harry.“
“Dann kannst du mir vielleicht auch dein Geheimnis verraten, wie du das schaffen willst?“
“Kann ich, Harry! Weil ich jetzt an mich glaube! Ich glaube ganz fest an mich. Vorher hatte ich nie ganz fest an mich geglaubt. Und das war ein riesengroßer Fehler. Aber jetzt glaube ich an die Kraft, die in mir steckt. Und wenn du das tust, dann gewinnst du, Harry. Dann gewinnst du immer. Du musst nur ganz fest an dich glauben und darfst dein Ziel nie aus den Augen verlieren, dann schaffst du es. Es ist alles nur eine Willensfrage.“
“Klingt simpel.“
“Ist es, Harry.“
“Mageres Rezept!“
“Es ist das Rezept der Gewinner.“
“Und das ist dir ganz plötzlich gekommen? Wie aus heiterem Himmel? Muss schon sagen, bist ein fixer Bursche.“
“Nein, nicht plötzlich. Und lass den lieben Gott aus dem Spiel. Sonst will der noch die Lorbeeren einheimsen!“
“Wie sonst?“
“Ich war auf diesem Seminar.“
“Seminar?“
“Ja, auf diesem Seminar für Persönlichkeitsentwicklung. Hat die Versicherungsgesellschaft organisiert.“
“Verstehe!“
“Nein, nicht wie du denkst.“
“Und wie denke ich?“
“Falsch! Du denkst das Falsche! Ich hab da wirklich eine ganze Menge gelernt. Wusstest du, dass wir nur einen Bruchteil unseres Gehirns zum Denken nutzen? Und überhaupt! Kannst du dir vorstellen, welches ungeheure Potential in jedem von uns steckt, dass unberührt dahin schlummert und nur darauf wartet geweckt zu werden?“
“Ja, das habe ich immer irgendwie geahnt.“
“Was hast du geahnt?“
“Geahnt und befürchtet, dass einige von uns nur einen Bruchteil ihres Gehirns benutzen. Doch jetzt weiß ich es.“
“Blödmann! Aber mach du nur deine dummen Witze! Ich sage nur: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“
“Warum versuchst du es nicht einmal zur Abwechslung mit einem ordentlichen Job, wie andere auch? Mit anständiger und sauberer Arbeit! Wäre vielleicht ’ne neue Erfahrung und Herausforderung für dich!“
“Ich soll in einem muffigen Büro versauern? Danke nein, das ist nichts für mich! Im Übrigen - behalte deine klugen Ratschläge für dich.“
“Oder such dir meinetwegen einen Job, wo du in der frischen Luft bist. Aber such dir einen, bei dem du morgens noch in den Spiegel sehen kannst.“
“Du denkst, ich bin ein Verlierer? Nein, brauchst nichts zu sagen! Ich sehe es dir an! Das denkst du! Aber ich sage dir, jeder von uns kann es schaffen! Jeder! Wenn er nur will! Und ich will den Jackpot!“
“Würde mich freuen, und das kannst du mir glauben, Tim. Ich meine es ehrlich. Aber denk immer daran, der Jackpot ist deshalb so voll, weil das Geld der Verlierer drin steckt. So ist das nun einmal.

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