Wachgang


"Kalt", sagt der Kleine.
"Ja."
"Würde jetzt lieber in der warmen Wachstube sitzen, als mir hier draußen den Hintern abfrieren. Kannst mir’s glauben."
Der Lange neben ihm schweigt.
"Redest wohl nicht gerne?"
"Nein. - Nicht im Dienst."
Der Kleine reibt die kalten Hände aneinander und wärmt sie mit seinem Atem. Er hat die Handschuhe bei der Wachablösung vergessen. Und zurück darf er nicht. Er muss den Wachgang beenden. Und der dauert noch eine gute Stunde. Den Wachgang kennt er in- und auswendig: Jeden Stein und jeden Strauch kennt er. Jeden Baum. Jedes Gebäude. Unzählige Mal ist er ihn schon gegangen. Den Wachgang. In der Wachstube hängt ein Plan an der Wand, auf dem alle Objekte eingezeichnet sind, die sie während eines Wachgangs zu kontrollieren hatten. Insgesamt fünfzehn Objekte müssen sie auf dem Gelände kontrollieren: die zwei Munitionsdepots, die fünf Garagen der Einsatzfahrzeuge und die AutowÅerksatt. Und die Unterkunftsgebäude. Sechs an der Zahl. Sieben mit der Sporthalle. Ein Wachgang dauert eine volle Stunde. Und zwei Wachgänge hintereinander müssen sie gehen bevor sie abgelöst werden. Insgesamt dreimal zwei Stunden in einer Nachtschicht müssen sie auf Wachgang, so steht es in der Dienstvorschrift. Ob es Hunde regnet oder Eisbären schneit. Bei jedem Wetter. Zu jeder Jahreszeit. Dazwischen dürfen sie sich in der Wachstube aufwärmen und ausruhen.
Der Kleine denkt sehnsüchtig an die warme Wachstube. An die Tasse Kaffee, heiß mit wenig Milch, aber viel Zucker, den er sich brühen wird, wenn der Wachgang zu Ende ist. Und wenn er den heißen Kaffee geschlürft hat, dann wird er versuchen für ein paar Minuten zu schlafen. Alles was er dazu braucht ist ein Stuhl und ein Tisch, der nicht wackelt.
Es ist zwei Uhr nachts und der Kleine blickt müde und zu dem Langen hinüber, der seine neugierige Nase in jeden noch so kleinen Winkel des Kasernengeländes steckt. Mit so einem Diensteifrigen war er noch nie auf Wachgang. Und das eingezäunte, weitläufige Kasernengelände kommt dem Langen dabei scheinbar wie gerufen. Dem Kleinen hingegen erscheint es wie ein großes Gefängnis. Nur noch sechs Monate muss er durchhalten. Dann kann er endlich mit seiner Versetzung rechnen.
"Wird ein langer und strenger Winter", sagt der Kleine.
"Mm", murmelte der Lange.
"Und es riecht nach Schnee."
"Schnee?" Der Lange bleibt stehen und blickt den Kleinen ungläubig an.
"Ja! Es riecht nach Schnee! Riechst du es nicht? Ich rieche immer, wenn es Schnee gibt."
"Red keinen Unsinn! Willst mich wohl auf den Arm nehmen?"
"Nein, ich rieche Schnee. Hab 'ne Nase dafür. Und ich sage dir, es wird heute Nacht noch schneien. Kannst dich darauf verlassen."
Der Lange reckt gekünstelt die Nase in die Luft, schnuppert und meint mürrisch: "Du spinnst! Kein Mensch kann Schnee riechen!"
"Ich kann es! Wir können wetten, wenn du willst?"
"Ich wette nicht!"
"Komm, einfach so zum Spaß?"
"Nein!"
"Auch gut. Aber du wirst sehen, dass es heute Nacht noch schneit", sagt der Kleine und steckt die linke Hand in die Hosentasche. Mit der anderen hält er das Griffstück der Maschinenpistole umklammert, die er schräg vor seiner Brust trägt. Und am liebsten hätte er auch noch sie in die Hosentasche gesteckt. Er hat genug von der eisigen Kälte.
"Komm, nimm deine Hand aus der Hosentasche", raunt der Lange, der ihn scheel von der Seite ansieht. "Du kannst nicht mit der Hand in der Hosentasche auf Wachgang gehen. Wenn das der Alte sieht, gibt es Ärger. Es verstößt gegen die Vorschrift!"
Natürlich weiß der Kleine, dass es gegen die Wachvorschrift verstößt und dass es Ärger gibt, wenn der Alte ihn so mit der Hand in der Hosentasche erwischt. Wie er auch inzwischen weiß, dass Uniformträger keinen Regenschirm benutzen dürfen. Das musste er sich in scharfem Ton sagen lassen, als er mit einem Regenschirm von der Kantine hinüber zum Unterkunftsgebäude lief und es aus Eimern schüttete. Da war er noch ganz am Anfang seiner Ausbildung. Er dachte, dass sein Zugführer Spaß macht. Aber er musste feststellen, dass der Brüllaffe das im vollen Ernst meinte. Er entging nur knapp einer Meldung beim Hundertschaftsführer, und bei dem war er seit dem ersten Tag in der Kaserne in Misskredit, weil er keinen ordentlichen und korrekten Haarschnitt trug, wie es in der Vorschrift steht. Er hätte nie geglaubt, dass es so viele Vorschriften gibt: Dienstvorschriften, Wachvorschriften, Fahrvorschriften, Ausgangsvorschriften, Kleidervorschriften und Haarvorschriften und unzählige andere Vorschriften mehr. Und allesamt mussten sie beachtet und eingehalten werden. Und es würde ihn nicht einmal wundern, wenn es auch irgendwo eine Denk- und Gedankenvorschrift gegeben würde.
"Hörst du, es ist gegen die Vorschrift. Gegen die Wachvorschrift", wiederholt der Lange streng.
"Ich hab's gehört."
"Dann nimm gefälligst die Hand aus der Hosentasche."
"Mir ist kalt."
"Aber es verstößt gegen die Vorschrift!"
"Scheiß auf die Vorschrift", murrt der Kleine ärgerlich, "mir frieren die Finger ab und du kommst mir mit deiner dämlichen Vorschrift. Was mit mir ist, dass ist dir wohl völlig egal?"
"Du hättest an die Handschuhe denken müssen."
"Natürlich, du Klugscheißer. Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber ich hab sie nun mal in der Eile vergessen. Also sei friedlich."
Noch nie war der Kleine mit so einem aufgeblasenen Esel auf Wachgang gewesen. Anscheinend trägt er nichts als Vorschriften in seinem kurz geschorenen hässlichen Vierkantschädel spazieren. Kein einziges privates Wort hat er bisher mit dem Langen gewechselt, obwohl sie jetzt die dritte Nacht zusammen auf Wachgang sind. Er war schon mit vielen Kollegen auf Wachgang. Und mit allen kam er gut zurecht. Aber mit dem Langen kommt er einfach nicht klar.
Auch auf der Wachstube redet der Lange mit keinem, sondern hängt ständig über den Dienstvorschriften. Zweifellos wird der Lange Karriere machen. Denkt der Kleine. Vorschriften-Aufsager machen immer Karriere. Und bei der Polizei ist das nicht anders. In der Führung sitzen auch hier wie anderswo immer die gleichen aufgeblasenen, selbstbewussten, arroganten und beschränkten Typen. Beim nächsten Mal, wenn sie ihm den Langen auf dem Wachplan wieder zuteilen, würde er sich weigern, mit ihm auf Wachgang zu gehen. Vorschriften-Aufsager bekommen ihm wie heiße Milch, als Kind spie er zwei Meter, wenn er sie trinken musste.
Der Kleine glaubt sich in einem Eisschrank. Die Finger mit denen er die Maschinenpistole umfasst sind rot und steif gefroren. Und dazu dieser eisige Wind. Und dieser Esel neben ihm mit seinem miesepetrigen Gesicht. Er nimmt eine Zigarette aus der zerknitterten Schachtel, drehte sich gegen den Wind und zündet sie mit einem Streichholz an.
Der Lange starrt ihn ungläubig und entsetzt an. Eine ganze Weile steht er mit offenem Mund vor ihm, bis er lospoltert: "Das kannst du nicht machen! Das ist verboten! Du weißt ganz genau, dass das Rauchen auf dem Wachgang streng verboten ist! Das kannst du nicht machen!"
"Ich kann! Das siehst du doch!"
"Das gibt Ärger, das sage ich dir! Und denk an den Alten! Der hat dich sowieso auf dem Kicker! Würde mich nicht wundern, wenn er heute Nacht irgendwo hier hinter dir herum spioniert. Vielleicht wartet er hinter der nächsten Ecke und dann bist du fällig! Und ich kriege ebenfalls meinen Anschiss, weil ich dich nicht zurechtgewiesen habe."
"Das hast du hiermit. Und wenn der Alte hier wirklich auftaucht, werde ich es ihm ausrichten. Oder willst du es vielleicht auch noch schriftlich?"
"Das Rauchen auf dem Wachgang ist streng verboten. Und du weißt das ganz genau!"
"Die Vorschrift ist unsinnig."
"Du hast ein Problem!"
"Ich?"
"Ja, du! Du verstehst es nicht, oder, was noch schlimmer ist, und der Verdacht drängt sich in mir auf, du willst es überhaupt nicht verstehen. Vorschriften sind nun einmal dazu da, um eingehalten zu werden! Sonst sind sie sinnlos! Und ob sie sinnvoll sind oder nicht, das hast weder du noch ich nicht zu entscheiden! Unsere Aufgabe ist es, uns an die bestehenden Vorschriften zu halten! Basta!"
"Nagel dir deine Vorschriften ans Knie! Und lass mich in Ruhe!“
“Mensch, wirf die Zigarette weg!“
"Du hast nur Schiss, dass, wenn uns der Alte erwischt, du deine nächste Beförderung vergessen kannst. Aber da kann ich dich beruhigen, hier, in der Abteilung, befördern sie noch jeden Idioten."
"Dich nicht! Dich haben sie noch nicht ein einziges Mal befördert", grinst der Lange.
"Ich bin auch kein Idiot."
"Es ist hoffnungslos. Ich gebe es auf. Aus dir wird nie ein guter Polizist."
"Ich glaube, da irrst du dich", sagt der Kleine und bläst eine kleine Rauchwolke in die Nacht und als er nach oben zum Himmel blickt, da fängt es an zu schneien.



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