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ch weiß nicht, ob es mein dritter oder vierter Whisky ist. Oder ist es mein fünfter? Ich habe nicht mitgezählt. Und während ich noch darüber nachdenke,
setze ich das Glas an den Mund und kippe den letzten Rest die Kehle hinunter. Ohnehin egal der wievielte Whisky es ist; der Abend ist noch jung und es
werden noch etliche hinzukommen. Und morgen früh werde ich die Zahl sowieso vergessen haben. Das ist das Schicksal und Glück aller leer gesoffener Gläser
und Flaschen – dass man ihre Zahl vergisst.
Ich stecke mir eine Zigarette zwischen die Lippen und winke Ben mit meinem leeren Glas.
"Du trinkst zu viel", sagt Ina. Und ihre dunklen Augen sehen mich an, als hätten sie noch nie einen Mann gesehen, der Whisky die Kehle herunterspült wie
Zitronenlimonade.
Ich nicke und halte ihr meine Zigarettenschachtel hin.
“Nein, danke! Bin dabei es mir abzugewöhnen. Schon vier Stunden ohne!“
“Ich wollte, ich könnte das von mir behaupten!“
"Trink langsamer, dann wird morgen früh dein Brummschädel nicht ganz so schlimm sein."
"Ich krieg nie Kopfschmerzen. Mir wird nicht einmal übel von dem Gesöff."
"Die Kleine redet dir ins Gewissen ", sagt Ben, während er mein Glas nachfüllt und ein Gesicht aufsetzt, als ob Doris, seine Frau, wieder aufgetaucht wäre,
die mit Georg, einem dunkelhäutigen Aushilfskellner, vor ein paar Wochen durchgebrannt ist, und womöglich gerade dabei ist sich um den kleinen Rest
Verstand zu vögeln, den sie in ihrem süßen Köpfchen versteckt hält.
"Lass sie, Ben, Ina ist ein gutes Mädchen."
"Hab verstanden", grinst er.
"Ich bin sein Schutzengel."
"Ja, du bist mein kleiner Schutzengel", sage ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Und sie kichert wie ein kleines Mädchen.
"Du bist gut drauf, Hans. Na, wie sieht es aus, willst du heute deinen alten Rekord brechen?"
Ich schüttele den Kopf und nehmen einen Schluck.
Mir steht nicht der Kopf danach heute Abend irgendeinen Rekord zu brechen. Dafür bin ich zu müde und zu ausgebrannt. Und ich trage diese verfluchte Leere
in mir, die sich weder weg- noch runterspülen lässt. Nur betäuben.
Ben dreht sich behäbig zur Uhr und sagt: "Es ist jetzt halb zehn. Wenn du dich rann hältst, kannst du es schaffen."
"Nein, bin nicht in Form."
"Du musst es wissen."
Ben und ich waren zusammen beim Bund. Wir haben in derselben Einheit gedient. Gedient ist eigentlich das falsche Wort, obwohl in unserer Sprache ja der
Bediente der ist, der dient. Wir waren also Bediente. (Und das in jeglicher Hinsicht!) Aber das darf man so nicht sagen. Da haben die Herren in den
Trachtenanzügen mit der Buntblechdekoration auf der Brust etwas dagegen, wenn man es so ausdrückt. Egal, wir hatten weder mit dem einen noch mit dem
anderen etwas am Hut. Wir hatten die Zeit totgeschlagen und nichts als Weiber im Kopf. Und natürlich gesoffen. Es gab jede Menge gute und schlechte Gründe
in diesem Scheißladen zu saufen, wobei die guten bei weitem überwogen. Und bei einem abendlichen Gelage hatte ich gut eineinhalb Flaschen Whisky geleert.
Und im Vollrausch dem Spieß in den Spind gepinkelt. Wofür ich mit Ausgehverbot und ein paar anderen Schikanen teuer bezahlen musste. Aber ohne das
tagtägliche Vollsaufen war das beschissene Soldatendasein nicht zu ertragen. Doch das ist lange her. Und meine körperliche als auch meine seelische
Verfassung ist derzeit nicht die beste. Ich hatte schon weitaus bessere Tage gesehen.
Scheiß Leben!
Denke ich.
Und nehme einen großen Schluck.
“Erika und Lothar haben sich getrennt! Hab es heute erfahren“, sagt Ina.
“Red keinen Unsinn“, sagt Ben unwirsch. “Erika und Lothar! Du bist verrückt!“
“Wenn ich es dir sage!“
“Niemals!“
“Sie hat ihn abserviert!“
“Nein, kann ich nicht glauben!“
“Ist ’ne Neuigkeit, was?“ Ina strahlt so unverschämt, als hätte sie in dem Augenblick gerade ihren vierten Ehemann kennengelernt.
Und ich nehme einen weiteren kräftigen Schluck und denke: Erika ist auch ein Luder. Alle sind sie verfluchte Luder - diese Weiber! Keine taugt was! - Denke
ich. Und schiebe mein leeres Glas in Richtung Ben über den Tresen.
"Das glaube ich nicht", wiederholt Ben. "Erika würde Lothar nie verlassen."
"Hat sie aber. Ihre Schwester hat es mir erzählt. Wir gehen ins selbe Fitness-Studio."
"Nicht Erika", sagt Ben. Und verschüttet den Whisky über den Glasrand hinaus.
"Sie hat mir erzählt, dass Erika Ende letzter Woche ausgezogen ist."
Ben beugt sich über den Tresen zu mir, dass ich seinen Kaugummi mit Erdbeergeschmack riechen kann und sagt:
"Was sagst du dazu, Hans? Ist das zu glauben? Erika verlässt Lothar!"
"Mich wundert nichts mehr."
"Und es kommt noch besser. Erika ist im dritten Monat schwanger.“
"Von Lothar?"
"Blödmann! Von ihrem Neuen natürlich, Ben!"
“Erika hat einen anderen Kerl? Das gibt es doch nicht! Nein, das kann und will ich nicht glauben! Hoffentlich tut sich Lothar nichts an!“
"Das tut weh, in eurer Mannesehre, was? Aber früher waren wir die Angeschissenen und heute seid ihr es. Die Erfahrung wird euch guttun. Da müsst ihr durch,
Jungs!"
"Das hat nichts mit Mannesehre zu tun. Es ist nur nicht in Ordnung, dass man einen seelischen Krüppel sitzen lässt. Nein, das ist nicht anständig.“
"Ja, das hätte Erika nicht tun dürfen. Da gebe ich Hans recht. Das ist nicht fair. Man lässt einen seelischen Krüppel nicht fallen wie eine heiße
Kartoffel."
"Erika wollte immer Kinder. Eine richtige Familie. Das wisst ihr. Und sie ist nicht mehr die Jüngste. Und irgendwann läuft auch ihre biologische Uhr ab.
Und mit Lothar hat es nicht funktioniert. Da musste sie sich wohl oder übel nach einem anderen Erzeuger umsehen. Wo ist da das Problem? Das ist doch nur
verständlich. Ich finde, Erika hat es ganz richtig gemacht."
"Du bist ein extrem zynischer Schutzengel", sage ich und nippe an meinem Whisky.
Nun gut, Lothar ist eine Memme und hat keinen Mumm in den Knochen. Und seit er diese beschissene Nervenkrise hat, die ihn vor zwei Jahren zwang seinen Job
als Ingenieur in einer Maschinenfabrik aufzugeben, kommt er aus der Selbsthilfegruppe nicht mehr heraus. Aber was soll das mit diesem: mit Lothar hat es nicht funktioniert? Mein Gott, Lothar ist keine Maschine, die man einfach so auf den Müll wirft, wenn sie nicht funktioniert!
"Ich bin nur pragmatisch", sagt Ina.
"Trotzdem hätte sie Lothar nicht im Stich lassen dürfen. Man lässt seinen Mann nicht im Stich. Das ist nicht die feine Art. du weißt doch, in guten wie in
schlechten Zeiten.“
Und während ich den Satz ausspreche, zweifele ich selbst an meinen Worten, glaube ich meiner eigenen Wahrheit nicht. Muss man einen Waschlappen wie Lothar
bis an sein Lebensende ertragen? Vielleicht konnte Erika die ganze Psychokacke nicht mehr ertragen und ist deshalb abgehauen.
"Ach was, Lothar hat seine Krankheit nur vorgeschoben, um sich bemuttern und bemitleiden zu lassen. Und hat seinen faulen Hintern nicht mehr hochgekriegt.
Er hat den lieben lang Tag auf dem Sofa herumgelungert und ins Blödfernsehen gestiert. Ich - an Erikas Stelle - hätte ihn schon viel früher zum Teufel
gejagt. Das kannst du mir glauben. Mit Versagern habe ich kein Mitleid!“
Und da ist es schon wieder dieses verflixte Wort! Versager! Das Wort, das mich nicht mehr loslässt und umtreibt und mich noch um den Verstand
bringt und mir seit Wochen den Schlaf raubt!
Denn das denkt auch Fanny von mir: Dass ich ein Versager bin. Und sie denkt es nicht nur, sondern lässt auch keine Gelegenheit aus, es mich spüren zu
lassen.
Und während ich mir eine Zigarette anzünde und Whisky gurgele, denke ich an Fanny. Mein Weib! Mein mir angetrautes Weib!
Ich konnte ihr nie das Leben bieten, das sie sich mit mir vorgestellt hat, und das sie ihrer Meinung nach verdient, das sie mit ihrer Geburt quasi erworben
hat. Sie kommt aus gutem Haus. Wie man das nennt. Ein Elternhaus, das nur so vor dreckigem Geld stinkt. Ihr Alter, ein krummnasiges Mittelgewicht mit
Glupschaugen, hat mit Immobilien ein Vermögen gemacht.
Fanny und ich sind seit fünf Jahren verheiratet. Und jetzt steckt unsere Beziehung in einer handfesten Krise. Und was unsere zwischenmenschlichen
Beziehungen im Bett anbelangt, da ist auch schon lange tote Hose. Es steckt nichts dahinter, dass Mädchen aus gutem Haus im Bett regelrecht zu Schlampen
werden. Alles nur Wunschvorstellungen geiler Böcke. Ich weiß, wovon ich rede. Mein mir angetrautes Weib ist im Bett so temperamentvoll, wie ein Faultier
beim Mittagsschlaf.
Und seit Wochen sieht sie mich mit diesem Du-bist-ein-Versager-Blick an. Und es schmerzt umso mehr, weil ich weiß, dass ich ein Versager bin!
Sie betrügt mich mit einem Lackaffen, der einen aufgemotzten Ford fährt und sich großspurig Styling Manager nennt. Ich habe das zufällig auf seiner
Visitenkarte gelesen, die offen auf ihrem Schreibtisch lag. Sie hat sie mit Absicht da liegen lassen, um mich zu provozieren. Der Kerl ist Einkäufer in
einem Warenhaus. Ich habe das recherchiert. Und mit so was betrügt sie mich! Und sie gibt sich nicht einmal Mühe, es vor mir zu verheimlichen.
Natürlich, ich bin ja auch nur ein Versager! Ein Versager, weil ich es zulasse, dass sie es mit diesem Lackaffen treibt. Und ich ihm nicht die Fresse
poliere. So wie es jeder richtige Mann tun würde, wenn seine Frau die Beine für einen anderen breit macht. Aber mich ärgert nur, dass sie es nicht heimlich
macht, sondern mich schamlos und offen mit diesem Lackaffen betrügt. Soll sie es meinetwegen mit wem auch immer treiben, es ist mir gleichgültig. Ich will
es nur nicht wissen!
Ich hatte mein Leben auch anders geplant. Hatte so meine Ambitionen. Aber ich bin nur ein Zeitungsschreiberling geworden und ein ziemlich mittelmäßiger
dazu; der seine Leben bei einem kleinen und unbedeutenden Lokalblatt fristet, in einer kleinen und unbedeutenden Stellung, in der untersten Stufe der
Lokalredaktion, mit düsterer Aussicht auf Beförderung. Und unter Kollegen nur wenig geschätzt.
Mein Redakteur vertritt hartnäckig die Meinung, dass ich meine postpubertäre Phase noch nicht überwunden hätte. Womit er auf mein Autoritätsproblem
anspielt, dass ich auch unumwunden zugebe. Ich hatte mein Leben lang Probleme mit der Autorität und werde sie wohl mit in mein Grab nehmen. Ich kann und
will Autorität nicht anerkennen. Der Irrtum aller Autorität ist, dass sie mit Geld, Einfluss und Macht gleichgesetzt wird. Und natürlich, dass sie
autoritär ausgeübt wird. Und damit hatte ich schon in der Schule so meine Probleme. Wie hätte ich auch diese Tyrannen - meine sogenannten Lehrer - ernst
nehmen können ohne dabei meine Seele zu beschädigen oder gar zu verlieren? Und ich halte Politiker schlichtweg für Lumpen und Pappnasen und sehe den einzig
erwähnenswerten Vorteil unserer Demokratie, gegenüber anderen Staatsformen wie Monarchie oder Oligarchie oder Diktatur, darin, dass wir die Lumpen und
Pappnasen abwählen können. Und ihren Nachteil: Dass es alle Lumpen und Pappnasen in die Politik zieht. Mit der Einstellung macht man sich in meinem Job
keine Freunde. Ich ecke überall an. Und für meinen Vorgesetzten bin ich deswegen auch ein hoffnungsloser Fall. Keinesfalls verwendbar für höhere und
anspruchsvollere Aufgaben.
Aber damit kann ich leben.
Und auch das meine Frau mich für einen Versager hält.
Ich habe Fanny einmal geliebt. Ihre klugen Augen, ihr schönes Gesicht und ihre wohlgeformten Hände. Aber heute sehe ich in ihrem Gesicht, ihren Augen nur
noch grenzenlose Habgier und in ihren Händen Raffgier, mit denen sie zupackt und alles an sich reißt.
Und jetzt will sie , dass ich mit ihr rüber in die Staaten gehe. Sie hat von ihrer Firma in den Staaten eine Stelle angeboten bekommen. Darauf hat sie
immer hingearbeitet. Und das Gehalt, das sie ihr bezahlen, ist unanständig. Genauso wie ihr hinterlistiger Vorschlag, dass ich mit ihr nach den USA kommen
soll.
Aber ich habe keine Lust auf die USA.
Ich mag die Staaten nicht.
Ich will in keinem Land leben, in dem die Mehrzahl der Menschen für die Todesstrafe, aber gegen Abtreibung ist. Und in dem wildgewordene Marschalls die
Menschenrechte mit Füssen treten. Ich mag auch Mickymaus nicht. Diesen kleinen blöden Klugscheißer. Und ich mag Coca-Cola nicht. Und ich hasse es, dass sie
aus Gewohnheit oder Dummheit Amerika sagen und die Staaten meinen, als ob der ganze restliche Kontinent irgendwie nur dazu gehören würde als kleinere
Beigabe zu den USA. Und ich hasse diese blauen Arbeiterhosen. Und ich hasse vor allem diese bigotten und scheinheiligen Präsidenten, die sich als
Weltpolizisten aufspielen. Und ich hasse Hollywood-Filme. Ich hasse diese dummen propagandistischen Filme in denen sie ihre kindische Lebensweise
glorifizieren und mit der sie die ganze Welt verarschen und vergiften. Und ich mag diesen Kennedy nicht. Den sie hier verehren wie einen Heiligen, weil er
in Berlin im Juni '63 diesen Unsinn vor dem Schöneberger Rathaus von sich gegeben hat. Und die Berliner ihm auch wieder zugejubelt hatten, genauso wie sie
zwanzig Jahre zuvor Goebbels zugejubelt hatten und ja gebrüllt hatten, als er diese Idioten im Sportpalast gefragt hatte: Wollt ihr den totalen Krieg? Dabei hätte Kennedy beinahe die ganze Welt in Schutt und Asche gelegt wegen ein paar läppischen Raketen auf Kuba.
Kennedy war ein kompletter politischer Idiot. Und obwohl das heute ein offenes Geheimnis ist, und das alle wissen, die sich auskennen, will das niemand
offen zugeben. Ich könnte noch endlos weiter aufzählen, was ich alles hasse an diesen gottlosen USA. Ich könnte einen mannsdicken Wälzer über die Staaten
schreiben. Aber das ist überflüssig. Im Grund lässt sich alles auf einen einzigen gemeinsamen Nenner bringen: Ich hasse alles und jedes, was aus den
Staaten kommt!
So ist das nun einmal!
Ich kann's und will's nicht ändern!
Und Fanny weiß das. Sie kennt meine Ansichten. Ich habe sie ihr oft genug gepredigt. Aber das ist ihre Art mich zu demütigen. Und ich kann daher nur jedem
raten, nie ein Mädchen aus gutem Haus zu heiraten.
"He Hans, hast du gehört, was ich gesagt habe?" höre ich Inas Stimme, leise und spröde wie aus einem leeren Brunnen.
“Entschuldige, ich habe nicht zugehört.“
Ina stützt den Kopf auf ihren rechten Arm. Das dunkle Haar fällt ihr lang über die Schultern. "Du bist mir vielleicht ein schöner Kavalier!“
“Tut mir leid.“
“Wie es Fanny geht, habe ich dich gefragt!"
"Fanny?"
"Ja, Fanny. Habe sie lange nicht gesehen."
"Fanny geht es gut. Du weißt doch, bösen Mädchen geht es immer gut", sage ich und nehme einen kräftigen Schluck.
"Streit?"
"Nein."
"Du willst nicht über sie reden, was?"
"Nicht, wenn es sich vermeiden lässt."
"Hättest mich heiraten sollen. Wir zwei hätten ein hübsches Gespann abgegeben."
"Du hättest mich nicht genommen. Ich war und bin ein armer Schlucker. Ich konnte nie ernsthaft mit einem deiner drei Ehemännern konkurrieren."
"Das ist gemein, Hans.“
“Aber es ist die Wahrheit.“
“Du hast Recht. Ich hätte keinen armen Schlucker geheiratet. Das Leben ist zu kurz um sich zu verschwenden."
"Nichts anderes habe ich gesagt."
Sie lacht. Und ihr Lachen klingt hübsch.
"Komm, sag's mir. Vielleicht kann ich dir helfen. Ich kann gut zuhören."
"Nein, Ina, es ist alles in bester Ordnung. Ist lieb von dir gemeint. Danke."
"Wirklich?"
"Ja."
"Fein."
Ina setzt die Lippen an ihr Weinglas. Ihr roter Lippenstift klebte am Glas und sie lächelt. Diese schwarzen Augen und dieser rote Mund. Noch zwei Whiskey
und dieses Lächeln und ich werde mich rettungslos in meinen Schutzengel verlieben. Und das Biest weiß das.
"Fanny will rüber in die Staaten."
"Amerika?"
“In die USA! Es heißt verdammt noch mal USA!“
“Meinetwegen! Reg dich nicht so auf!“
“Es regt mich aber auf!“
“Fanny will in die USA?“
"Ja."
"Weit weg."
"Ja, liegt viel Wasser dazwischen."
"Und du? Was ist mit dir?"
"Nein, ich gehe nicht mit!"
"Aber Fanny - ?"
"Sie zahlen gut. Unverschämt gut. Dafür lohnt es sein Gewissen aufzugeben. Wenn sie eins hätte. - Ich kann sie nicht aufhalten."
"Tut mir leid für euch."
"Muss es nicht. Ich komme schon klar. Bin so gut wie drüber hinweg. Du hast doch selbst gesagt: Das Leben ist zu kurz um sich zu verschwenden."
"Und du willst dein Leben nicht verschwenden?"
"Nein."
"Das ist gut, Hans."
"Das hoffe ich."
"Und was sagt Fanny dazu?"
"Was soll sie sagen?"
"Das du hier bleibst?"
"Sie wird es verstehen. Wir haben zwar noch nicht darüber geredet, aber sie wird es verstehen. Und es wird ihr nichts ausmachen. Sie ist total versessen
auf den Job."
"Glaubst du?"
"Ich weiß es."
"Ich bin nicht gerne allein."
Ich nicke.
"Ich war dreimal verheiratet, Hans. Das weißt du. Und alle meine Ehemänner haben versucht mich wie ihr Eigentum zu behandeln. Aber ich gehöre nur mir. Und
dafür, und für tausend andere Gründe, mussten sie teuer bezahlen. Sehr teuer! Ich habe ausgesorgt. Und dafür bin ich meinem Schicksal dankbar. Ich muss
mich keinem Kerl mehr unterordnen. Aber ich bin nicht gerne alleine. Die Nächte können so verflucht einsam, kalt und lang sein. Doch ich habe mir
geschworen, dass ich es nie wieder zulasse, dass die Zahnbürste eines Kerls in meinem Badezimmer übernachtet. Nie wieder!"
"Ich habe immer eine bei mir."
"Das ist gut, Hans. Dann trink dein Glas aus und wir gehen. Ich koche uns eine Tasse Kaffee und dann werden wir weitersehen. Also, was sagst du?"
"Kann ich nein sagen?"
"Nein, Hans, kannst du nicht."
“Aber vorher muss ich dich noch etwas fragen."
"Na, frag schon, Hans! Was willst du wissen?“
"Was hältst du eigentlich von den Staaten?"
"Den Staaten?"
"Ja."
"Komm, Hans, lass den Unsinn. Gib mir lieber eine Zigarette und lass uns gehen und scheiß auf die USA!"
11. März 2014
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© 2016 Hartmut Altz